Garten, Kristina Valentin
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Textschnipsel 3

Garten der Wünsche

»Ach du heiliger Hollerbusch«, sagte sie leise und stellte den Eimer neben sich auf den Boden. Die Pfingstrosen hatten schon immer dort gestanden. Und eigentlich waren sie eine kleine Sensation. Das ganze Dorf kam im Frühjahr her gepilgert, um die prallen, mehrfach gefüllten Blütenköpfe in leuchtendem Weiß, Lila und Pink auf den dunkelgrünen aufrechten Stängeln zu bewundern. Dieses Jahr wäre es allerdings schon vermessen gewesen, sie nur als schwächlich zu bezeichnen. Mickrig traf es besser. Offenbar nur lustlos hatten sich ein paar schrumpelige und blasse Blütenblätter um das gelbe Innere versammelt, als wären sie ihrer Aufgabe, bestaunt zu werden, einfach überdrüssig geworden. Einen Moment lang starrte Klara unschlüssig auf das Desaster, dann nahm sie kurzerhand die Schere und schnitt einen Blütenkopf nach dem nächsten ab, die nun mit einem zarten Rascheln zu Boden fielen. So leise, dass es fast nicht zu hören war. 

Als sie fertig war, hörte sie ihr eigenes Herz hektisch schlagen.

»Es wird sich alles fügen«, murmelte sie leise und betrachtete ihre bloßen Füße, der rote Nagellack auf den Zehen kaum noch erkennbar unter der dicken Schicht Muttererde. 

Irgendetwas war nicht in Ordnung. Aus der Balance geraten. Sie griff nach den Blüten und schmiss sie in den Eimer. Dann zwängte sie sich durch den Holunderbusch zurück auf den Rasen. Hier blieb sie stehen, atmete tief durch und blickte erneut auf das alte Haus. Alles schien so unverwüstlich. So fest gewoben, so verlässlich. Immer gleich. Und doch kam Klara nicht umhin, die Zeichen der Veränderung zu sehen. 

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