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Ringelblumen & Feen

Im Garten der Wünsche dreht sich alles um Klaras kleine Pension in Lindenbühl. Und die Kraft der Natur. 🌼🌼🌼 »Hast du dich wohlgefühlt?«, fragte Klara, während sie sich hinter den Schreibtisch setzte und in dem ganzen Papierkram nach der Rechnung für Zimmer 6 wühlte. Alles an Heike war groß. Ihre Brüste, ihre Nase, ihr Mund und ihr Wissen. Sie hatte ein unfassbar ansteckendes Lachen und es sogar geschafft, Sten zu einem verhaltenen Grinsen zu verleiten. Eine famose Frau also, die irgendwann ihre Mitte verloren hatte. Das konnte passieren. Das Leben zwang manchmal selbst die Stärksten in die Knie. Besonders wenn sie nicht gut auf sich achteten. Klara war keine Ärztin, die eine Diagnose stellte. Es stand ihr nicht zu, über diese Dinge zu urteilen. Aber sie war eine kluge Frau, und die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die körperlichen Beschwerden oft nur Symptome für innere Leiden waren. Oft genug war es die Seele, die sich, da sie offenbar keine eigenen Schmerzrezeptoren hatte, kurzerhand die Leber, das Herz, das Immunsystem oder den Magen zum Stellvertreter erkor. …

Garten der Wünsche

🌸 Textschnipsel Nummer 4 🌸 Ein Fenster flog polternd auf, und Klara zuckte zusammen. Für einen kurzen Augenblick erschien Stens Kopf im Rahmen, dann verschwand er wieder, nur um wenige Atemzüge später über die Terrasse in den Garten gestapft zu kommen. Die Teetasse in seiner Hand wirkte wie aus der Küche eines Puppenhauses, seine Hand schien sie mühelos zerdrücken zu können.  »Moin. Tee«, sagte er mit seiner ewig heiseren Stimme, als hätte er in seinem Leben schon zu viel gesprochen. Dabei war er doch so schweigsam.  Klara räusperte sich. »Danke«, antwortete sie und nahm ihm die feine Porzellantasse aus der Hand.  »Minze. Mit Eisenkraut. Hilft gegen Verwirrung. Du sahst verwirrt aus.« »Danke«, sagte sie erneut. Sten wartete einen Moment ab. Ein Angebot. Er würde ihr zuhören. Eventuell würde er nichts sagen, aber er würde zuhören. Eine unschätzbare Fähigkeit in der heutigen Zeit, in der alle so oft um sich kreisten, doch Klara lächelte nur und nippte an ihrem Tee. Sie würde Sten gegenüber nichts sagen. Denn erfahrungsgemäß lösten sich neunzig Prozent aller Probleme nach einer …

Garten der Wünsche

🌸 Textschnipsel Nummer 3 🌸 »Ach du heiliger Hollerbusch«, sagte sie leise und stellte den Eimer neben sich auf den Boden. Die Pfingstrosen hatten schon immer dort gestanden. Und eigentlich waren sie eine kleine Sensation. Das ganze Dorf kam im Frühjahr her gepilgert, um die prallen, mehrfach gefüllten Blütenköpfe in leuchtendem Weiß, Lila und Pink auf den dunkelgrünen aufrechten Stängeln zu bewundern. Dieses Jahr wäre es allerdings schon vermessen gewesen, sie nur als schwächlich zu bezeichnen. Mickrig traf es besser. Offenbar nur lustlos hatten sich ein paar schrumpelige und blasse Blütenblätter um das gelbe Innere versammelt, als wären sie ihrer Aufgabe, bestaunt zu werden, einfach überdrüssig geworden. Einen Moment lang starrte Klara unschlüssig auf das Desaster, dann nahm sie kurzerhand die Schere und schnitt einen Blütenkopf nach dem nächsten ab, die nun mit einem zarten Rascheln zu Boden fielen. So leise, dass es fast nicht zu hören war.  Als sie fertig war, hörte sie ihr eigenes Herz hektisch schlagen. »Es wird sich alles fügen«, murmelte sie leise und betrachtete ihre bloßen Füße, der rote Nagellack …

Garten der Wünsche

🌸 Textschnipsel Nummer 2 🌸 Abrupt stand sie auf und vertrieb das plötzliche Frösteln, indem sie sich die Strickjacke enger um den Körper zog.  Bäume verloren Blätter in der Regel im Herbst. Doch dieser Finkenwerder Herbstprinz tat das eben nicht. Für gewöhnlich. Sie kannte ihn und seine Gewohnheiten nach der langen, gemeinsamen Zeit sehr gut. Er wurde oft schon im Februar grün, im März war er voll belaubt und es zeigten sich die ersten kleinen Äpfel, die zwischen Juni und November reif wurden. Dazwischen blühte er immer wieder, und ständig hatte er neue Früchte. Über Wochen. Alles kein normales Verhalten für einen Apfelbaum. Deswegen war der Verlust eines Blattes ungewöhnlich. Nicht gleich besorgniserregend, aber doch seltsam.  Und wenn Klara Gorse sich etwas nicht erklären konnte, oder wenn sie besorgt war, steckte sie ihre Hände in die Erde, schnitt etwas zurück oder zog wilde Beikräuter aus den Beeten. Hier gab es schließlich immer etwas zu tun. Es war ein ewiger Kreislauf, und jeder Halm wurde genutzt. Wenn man das Kraut essen konnte, kam es auf den …

Garten der Wünsche

🌸Textschnipsel Nummer 1🌸 Am 13. Mai erscheint endlich der Garten der Wünsche. Um die Wartezeit zu verkürzen, poste ich hier in den kommenden Tagen ein paar Auszüge aus dem 1. Kapitel. Ein erster, vorwitziger Sonnstrahl traf Klara Gorse an der Nasenspitze. Es war früh am Morgen. Die Welt in Lindebühl schlief noch, und sie verharrte für einen kleinen Moment auf der großzügigen Veranda der alten Pension, während die aufgehende Sonne kleine goldene Streifen in die Sträucher und Bäume des altehrwürdigen Gartens malte. Dreißig Jahre war sie jetzt hier. Gekommen war sie als junges Mädchen voller Tatendrang, das Herz offen und weit, voller Freude auf die Abenteuer des Lebens. Sie, die Süddeutsche, die Zugezogene, hatte in diesen dreißig Jahren ihren festen Platz in einer Gemeinschaft eingenommen, die ihr damals so fremdartig vorgekommen war. Das Leben in Lindenbühl war voller Geheimnisse. Es hatte einige Zeit gedauert, bis man sie in alles eingeweiht hatte, was sie hatte wissen müssen, und doch schien sie immer noch jeden Tag Neues zu lernen. Klara schloss für einen Moment die Augen und …