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Februar 2021

2015 erschien mein erster Engelsroman, im Februar geht er in die Neuauflage.
Das wunderbare Cover verdanke ich Marie Becker von Wolkenart. Ich finde, es passt perfekt. Genau so stelle ich mir Venia vor, die Protagonistin der Geschichte. Zusammen mit Samuel, einem gefallenen Engel, der versucht, die Welt mit Hilfe von sehr viel Alkohol zu ertragen und auszublenden. Er ist von seinem langen Leben müde, aber ganz kann er sich nicht verschließen, denn er hat Manu. Seine Adoptivtochter. Und einen Feind. Mit dem ihn eine gemeinsame und sehr dunkle Vergangenheit verbindet.

Eine kleine Leseprobe gefällig? 


Er glaubte, nie wieder etwas empfinden zu können, bis er ihr begegnete …

Prolog

Die Türklingel riss sie aus ihrer Betrachtung der zerlaufenden Farben auf der großen Leinwand, die gegen die Backsteinmauer des Ateliers gelehnt stand. Es klingelte erneut, während sich das Schwarz mit dem Gelb vereinigte und in einem kleinen Rinnsal vom unteren Ende der Leinwand auf den groben Steinboden tropfte.
Sie müsste jetzt aufstehen, sich die farbverschmierten Hände an einem Lappen abwischen und die Tür öffnen. Wer auch immer zu ihr wollte, sah das vermutlich ähnlich. Wieder ertönte die Klingel.
Mit einem Seufzer kam sie endlich auf die Beine. Das Problem war nämlich, dass derjenige, der vor der Tür stand, sie durch die deckenhohen Fenster sehen konnte. Natürlich besaß sie Vorhänge, die allerdings auch das gute Morgenlicht ausgesperrt hätten und somit offen geblieben waren.
Jetzt klopfte es auch noch. Sie griff sich den Lappen, wischte ihre Finger daran ab und drehte sich um. Seitlich vor dem Fenster stand ein Mann in brauner Uniform und blickte direkt in ihr Atelier. Jetzt winkte er und hielt ein kleines Paket in die Höhe.Scheinbar zügig ging sie auf die verschlossene Tür zu. Innerlich jedoch zögerte sie, schindete Zeit, indem sie den Schlüssel nur langsam im Schloss drehte.
Der Typ sah aus wie ein Bote von UPS. Er hatte ein Päckchen in der Hand, und in der Einfahrt zum Innenhof konnte sie den typischen dunkelbraunen Lieferwagen erkennen. Fazit: Ihr wurde ein Paket geliefert.
Das war also eine völlig normale Sache. Tat der Typ vermutlich hundertmal am Tag. Aber ihr innerer Misstrauens-Seismograph schlug an. Das tat er, seit ihr dreißigster Geburtstag immer näher rückte, ebenfalls gefühlte hundertmal am Tag.
Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte um die Ecke, bereit, sie sofort wieder zuzuschlagen.

©Verena Steffan

»Das ist aber ein schönes buntes Bild.« Der Mann in Braun lächelte sie an. Offensichtlich war er eine Frohnatur. Tiefe Lachfalten umgaben seine Augen.
»Ja, bunt«, bestätigte sie, ohne den hingeworfenen Gesprächsfaden aufzunehmen.
»Sehr hübsch«, startete der Mann einen neuen Versuch.
»Danke«, antwortete Venia knapp. »Für mich?« Sie deutete auf das Paket in seiner Hand.Die offene Miene des Mannes verschloss sich fast unmerklich. Er ging auf Distanz, hielt sie vermutlich für eine etwas überspannte Künstlerin mit schlechten Manieren. Weder das eine noch das andere traf zu, dennoch hatte sie es geschafft, ihn vor den Kopf zu stoßen.
Wortlos reichte er ihr das hellbraun eingeschlagene Paket. »Ich brauche noch eine Unterschrift«, murmelte er und hielt ihr auffordernd das kleine Gerät mit dem elektronischen Unterschriftenfeld hin. Sie nahm den Stift, der gar keiner war, und kritzelte ihren Namen in das vorgesehene Feld.

»Warum gefällt es Ihnen?« Sie gab das Gerät zurück und deutete mit dem Kopf in ihr Atelier. Es tat ihr leid, so schroff gewesen zu sein. Außerdem interessierte sie seine Meinung aufrichtig. Für Menschen wie ihn malte sie ihre Bilder, nicht für die ganzen Kunstkritiker und Sammler, die ihre Kunst bei jeder Gelegenheit bewerteten und beurteilten.
Er räusperte sich. Sein Blick war für einen Moment unsicher, ihr Stimmungswechsel überforderte ihn wohl. Er trat einen Schritt zur Seite, zum Glück nicht näher, sonst hätte sie ihm vielleicht doch noch die Tür vor der Nase zugeschlagen, sondern so, dass er freie Sicht auf das Bild hatte.
»Es ist ein fröhliches Bild. Lustig. Freundlich.«
Sie folgte seinem Blick, auch wenn sie dann die Tür für einen Moment unbeaufsichtigt lassen musste. Dieser Mann hatte das, was sie da in den letzten sieben Stunden erschaffen hatte, sehr schön auf den Punkt gebracht.
Es war nicht ihr Bild. Sie hatte es nur gemalt. Die Gefühle, für die es stand, gehörten nicht ihr.
Aber dieses fröhliche Bild war ein Meilenstein, was der freundliche Mann in Braun nicht wissen konnte. Ein weiterer Hinweis auf die anstehenden Veränderungen, deren Ausmaß ihr noch völlig unklar war.
»Komisch«, sagte er in diesem Moment und sah sie wieder an. Fragend hob sie die Schultern. »Also ohne Ihnen jetzt zu nahe treten zu wollen.« Seine Worte hatten plötzlich einen leichten Berliner Einschlag. Dann beugte er sich etwas nach vorne und raunte: »So lustig sehen Sie gar nicht aus.«
Das entlockte ihr nun doch ein Lächeln. Mit so einer ehrlichen Beurteilung hatte sie nicht gerechnet. Aber die Berliner waren eben nicht nur grundsätzlich freundlich, sie trugen das Herz auch auf der Zunge.
Das Paket fest gegen ihre Brust gepresst, sagte sie leise: »Danke.«
Das Gesicht ihres Gegenübers legte sich wieder in Lachfalten. Der Paketbote wandte sich schon fast zum Gehen, da blieb sein Blick an etwas hängen.
»Oh«, sagte er. Ehrfurcht lag in diesem Laut.Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, was er entdeckt hatte.

Der riesige Engel stand mit weit ausgebreiteten Schwingen an der Rückwand des Ateliers. Der einzige Ort, wo der große Kerl mit seiner Spannweite von über drei Metern Platz gefunden hatte. Der Blick des Kurierfahrers verharrte einen Herzschlag lang auf ihrem Freund, und sie wusste genau, was er sah. Die unermessliche Schönheit des überirdischen Geschöpfes, die sie aus dem Naturstein geschlagen hatte. Und seine leeren Augen.Denn man konnte sie so schön machen, wie man wollte – das Gesicht blieb seelenlos.
Der Mann drehte sich mit einem kurzen Gruß um und ging zu seinem Wagen. Venia blieb zurück und schloss die Tür hinter ihm, das Paket immer noch fest gegen die Brust gedrückt.
Erst in der Küche ließ sie die rechteckige Kiste auf den Tisch gleiten, drehte sie um und entdeckte den Absender.

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte auf das Paket. Es kam aus der Schweiz. Dem Namen auf dem kleinen Schild mit der Versandadresse nach hatte ihre Tante es verschickt. Nur, dass die seit fast acht Jahren tot war.

 

Kapitel 1

Manu zerrte energisch das zerknitterte Laken von seinem Körper. »Jetzt steh endlich auf!« Sam regte sich nicht. Sich totzustellen war meist eine gute Strategie. Zumindest im Umgang mit Manus Versuchen, ihn am Ausschlafen seines Rausches zu hindern.
Doch heute half es leider nichts. Zwei zarte, eiskalte Handflächen fingen an, rhythmisch auf seinen nackten Rücken zu klatschen, und er knurrte leise »Verpiss dich!« Offensichtlich zu leise, denn jetzt begann Manu, ihren Zeigefinger in seine Rippen zu bohren.Dann hauchte sie ihm ins Ohr: »Ist die leere Flasche Bourbon in der Küche von dir?« Kraftlos hob er die rechte Hand und formte mit dem Zeige- und Mittelfinger das Victoryzeichen. Es waren zwei Flaschen gewesen. Aber Manu verstand nicht, was er sagen wollte.
»Die Flasche hat dich besiegt und nicht andersherum. Steh jetzt auf, es ist halb zwei. Zurück ins Leben, du Penner.« Ihre kalten Hände fuhren ihm nach diesen freundlichen Worten noch einmal über den Rücken, und er erschauerte. Zu kalt. Zu viel Nähe. Zu viel Tohuwabohu.

Manu musste schon mit dieser Eigenschaft auf die Welt gekommen sein. Immer war sie von allem zu viel. Viel zu zart, zu viele Haare, zu dünn, zu klug …

Jabbeck, Manus Schutzengel, lehnte mit abfälliger Miene an der Zimmertür und beobachtete die Szene. Seine Lippen formten lautlos das Wort »Säufer«, und Sam war gewillt, ihm den Mittelfinger zu präsentieren. Wovon er in Anbetracht der Situation dann aber doch absah. Jabbeck hatte ja schließlich recht. Er sollte sich eine seinem Lebensstil gegenüber tolerantere Mitbewohnerin suchen. Mit Manu und diesem oberspießigen Jabbeck war das Leben im Moment einfach zu anstrengend.
Miss »Zu viel« sprang im nächsten Augenblick, umgeben von ihrer seltsamen penetranten Aura, von seinem Bett, eilte zum Fenster, riss die schweren Samtvorhänge zur Seite und ließ mitleidlos eisige Winterluft ins Zimmer. Sam zuckte zusammen, als die kalte Welle seinen nackten Körper traf, und zog das dünne Laken schützend über sich.
»Samuel. Du kannst nicht den ganzen Tag hier rumliegen.« Mit diesen Worten verließ Manu das Zimmer, aber Sam hatte die Gewissheit, dass sie mit Jabbeck im Schlepptau wiederkommen würde. So lange, bis er aufrecht stand und in der Lage war, sich an normaler menschlicher Kommunikation zu beteiligen.
Der Prozess der Menschwerdung würde heute allerdings etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Zwei Flaschen VAT 69 waren selbst für ihn zu viel.
Einige Sekunden später, nachdem Manu schon durch die nach wie vor offen stehende Zimmertür verschwunden war, hing ihre Lebensenergie immer noch im Raum. Viele Menschen waren umgeben von dunklen, gedeckten Farben. Unaufdringlich verharrten diese rücksichtsvollen Auren in einer Zimmerecke und verschwanden schlagartig, wenn ihr Besitzer ging.
Manus Aura hingegen war schillernd, laut und anstrengend. Sie surrte, klimperte und klingelte permanent um sie herum und ließ sich auch durch Manus Abwesenheit nicht davon abbringen, Sam in seiner Ruhe zu stören.

Aber letztendlich waren es, wie so oft, die Reste dieser Energie, die ihm die Kraft gaben, sich vorsichtig aufzusetzen und seine morgendliche Bestandsaufnahme zu machen. Ab einem gewissen Alter schien es ratsam zu sein, eine regelmäßige Kontrolle der Gliedmaßen und Organe durchzuführen. Morgeninspektion sozusagen. War sein Hirn in der Lage, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen? Funktionierten seine Beine gut genug, um bis ins Bad zu kommen? Sam ließ die Schultern kreisen und legte den Kopf in den Nacken. Der Blick an die Zimmerdecke löste Übelkeit in ihm aus, und schnell senkte er den Kopf wieder. Langsam überwand er die zehn Zentimeter von der Matratze bis zum Fußboden und kam auf die Beine.

Sam hatte noch nie ein Bett besessen. Seitdem er denken konnte, was definitiv ein viel zu langer Zeitraum war, schlief er einfach auf dem nackten Fußboden oder auf einer Matratze. Weswegen das morgendliche Aufstehen jedes Mal dem Erklimmen des Mount Everest glich. Achtundneunzig Kilo Lebendgewicht mussten aus zehn Zentimeter Höhe in die Senkrechte bewegt werden. Das Experiment »Zurück ins Leben« glückte nur, weil sein Schlaflager direkt neben der dunkelroten Wand platziert war, und an dieser hangelte er sich nun entlang.

Im Flur empfing ihn das helle Zitronengelb, mit dem die Wände hier gestrichen waren. Es reizte jeden Morgen seine empfindlichen Augen, und er blinzelte angestrengt.Manu liebte es bunt. Und so waren auch sämtliche Räume in dieser eigentlich zu großen Altbauwohnung, die sie sich seit vielen Jahren teilten, bunt.Reste ihrer indiskreten und aufdringlichen Aura wollten sich gerade hinter ihm durch die geöffnete Badezimmertür schleichen, als er sie ihnen vor der Nase zuschlug. Das Anbringen von farbenfrohen Fliesen hatte er bei der Renovierung des Bads nur mit knapper Not verhindern können, nicht aber das satte Grün, das ihm von den ungefliesten Flächen entgegenleuchtete. Er stützte die Handflächen aufs Waschbecken und warf vorsichtig einen Blick in den goldgerahmten Spiegel.

Wie jeden Morgen seit über hundertfünfzig Jahren ging ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf: »Du siehst besser aus, als du dich fühlst.« Das Erstaunen über diese Tatsache hatte sich mit der Zeit etwas abgenutzt, aber die Hoffnung, dass der Tag kommen würde, an dem sich seine Optik seinem Gefühl anglich, hatte er aufgegeben. Er fühlte sich beschissen und würde vermutlich niemals so aussehen.Umständlich drehte er den Wasserhahn auf und schaufelte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, während er mit geschlossenen Augen dastand und wartete. Auf den Schmerz in seinem Rücken, der ankündigte, dass er tatsächlich wach und da war. Auf das Gefühl in seinen Händen. Seine Fingerspitzen prickelten zwar, aber eine echte Empfindung blieb aus. Seit einer Wirbelsäulenverletzung vor fast zweihundert Jahren musste er damit leben, dass es an einigen Tagen länger dauerte, bis die haptische Wahrnehmung in seine Finger zurückkehrte. Heute würde er allerdings noch länger warten müssen, bis er wieder auf seine taktilen Sinne zurückgreifen konnte. Aber solange er das Breitschwert nicht schwingen musste, war diese Einschränkung hinnehmbar … und sowieso nicht zu ändern.
Er öffnete die Augen und sah sein Spiegelbild an. Definitiv war er nach menschlichen Maßstäben schön. Auch sein aktueller Hippie-Chic, wie Manu den Zustand auf seinem Kopf nannte, tat dieser Tatsache keinen Abbruch.

Verdammt, er musste schön sein. Bei seinesgleichen war das so. Nicht wie bei den Menschen, deren Gene sich seit Jahrtausenden selber überlassen waren, mit erstaunlichen Ergebnissen. Zwischen grottenhässlich und bildschön war alles drin.Nicht so bei den Seinen. Der Status quo blieb unverändert. Absoluter Stillstand. Wenn sie dortblieben, wo es für sie vorgesehen war. In ihrem natürlichen Lebensraum, dem Himmel. Hier auf der Erde fand sehr wohl eine Veränderung statt. Das Leben hier zeichnete eine eigene Landkarte der Stationen auf seinem Körper. Ein guter Grund, beim Sex die Klamotten anzulassen, wenn man nicht wollte, dass das Gegenüber schreiend davonlief. So schön sein Gesicht auch war, der Rest war ziemlich demoliert, denn auch seine Selbstheilungsfähigkeit hatte ihre Grenzen.Die gefühllosen Hände fest am Waschbecken drehte er den Oberkörper leicht zur Seite.

Rom 1545. Zerschmetterte Hüfte durch einen Eisenhammer. Nicht schön. La Guerra. Unter einem sechshundert Kilo schweren Schlachtross zu landen, war der Gesundheit auch nicht zuträglich. Er drehte sich weiter und betrachtete die vernarbten Stränge, die sich über seine breiten Schultern zogen. Ein regelmäßiges Treffen mit der neunschwänzigen Katze. Dann rieb er sich die kleine Beule am Haaransatz. Kein Kriegseinsatz, keine Rettung von unschuldigen Menschenleben war für diese Frontalverschandelung verantwortlich. Es war schlicht der gestrige Zusammenstoß mit der Küchentür gewesen, und der Alkohol hatte verhindert, dass die Wunde schon komplett verheilt war.Manus Aura trommelte plötzlich schnatternd gegen die Tür, und nur Sekunden später klopfte Manu gegen das Holz.

»Ich muss mal rein!«, brüllte sie in einer Lautstärke, als wären sie nicht nur durch vier Zentimeter Fichte, sondern durch mehrere Häuserblocks getrennt. Mit einer Hand am Waschbecken hielt er weiter das Gleichgewicht, mit der anderen griff er sich ein Handtuch und wand es sich um die Hüften. Dann streckte er sich und drehte den Schlüssel im Schloss.
»Ich hab vergessen, die Pille zu nehmen.«
»Sie hat vergessen, die Pille zu nehmen«, echote Jabbeck mit unverhohlenem Sarkasmus von der Tür aus. Hektisch stürzte Manu an ihm vorbei und fing an, in ihrer Kommode zu wühlen. Die Kommode war unfassbar alt, unfassbar groß und in den Farben Blau, Rot und Lila gestrichen, womit sie perfekt zu dem herrschenden Farbwahnsinn passte. In ihr befanden sich sämtliche Utensilien, die Manu benötigte, um zu überleben.Sam blieb unbewegt stehen, während ihre Aura aufdringlich an seinen Synapsen zupfte. Unschlüssig drehte sie eine kleine Blisterverpackung in den Händen und fragte, ohne aufzublicken: »Welcher Tag ist heute?«
»Heute ist der Tag, an dem Sam dringend Ruhe braucht«, antwortete er und warf ihr einen düsteren Blick zu. Sie hielt inne und lächelte plötzlich.
»Sam, wenn ich dich in Ruhe lasse, bist du tot«, stellte sie dann sehr sachlich und sehr freundlich fest, schob sich eine kleine weiße Pille in den Mund und trat neben ihn ans Waschbecken.
Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Manus hellblaue, mädchenhaft runde Augen, mit dem dichten Kranz aus schwarzen Wimpern, und seine eigenen goldgrünen Katzenaugen. Rein optisch waren sie Bambi und der Wolf, nur dass Bambi zurzeit die Hauptverantwortung für den Wolf trug. Und die stand ihr eigentlich gar nicht zu.

Manu legte in einer liebevollen Geste ihre kleine Hand auf seine. Dann drehte sie den Kopf und fixierte seinen Körper mit zusammengekniffenen Augen. Was sie sah, war nicht sein durchtrainiertes athletisches Äußeres. Sie sah nicht die von rasender Zerstörungswut zeugenden Narben. Sie sah seine dahinter durchschimmernde Müdigkeit, die der Spiegel nicht einzufangen vermochte.Und sie roch den Alkohol, der immer noch durch seinen Organismus schwappte. Leider fühlte sie auch seinen Schmerz. Den körperlichen weniger als den seelischen, der seit einigen Jahren so viel dichter unter der Oberfläche seiner optisch perfekten Gestalt lauerte.
Ihre Hand schloss sich fester um seine, als ob sie gewillt wäre, ihn mit sich zu nehmen, wohin sie auch gehen würde. Ihn einfach nicht loszulassen. Immer bei ihm zu bleiben. Wobei es doch irgendwann genau darauf hinauslaufen würde: Er würde alleine zurückbleiben.Energisch schob er diesen quälenden und alles in Frage stellenden Gedanken in eine entfernte Schublade in seinem Kopf. Vorsichtig zog er seine Hand unter ihrer hervor. So ausdruckslos wie möglich sah er sie an und spürte, wie ihre Aura still wurde, für einen Moment beinah regungslos verharrte.
»Du brauchst eine Dusche«, brach sie den Bann, gab ihm einen Kuss auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. »Du darfst auch singen. Und wenn du hier fertig bist, bekommst du einen Kaffee.«
»Danke, dass ich singen darf«, sagte er spöttisch. Er sang nur unter der Dusche, und Manu fand es grausam. Was es vermutlich auch war.
»Ich bin heute großzügig. Außerdem werde ich dich nötigen, dir neue Lobeshymnen über IHN anzuhören.« Sie grinste, besaß den Anstand, einen Anflug von Röte zu zeigen, und drehte sich auf dem Absatz um. Manu war seit kurzem verliebt. Seitdem traktierte sie Sam mit immer neuen Geschichten über die Liebe und diesen gar wunderbaren Mann.Nicht dass es ihr an Freundinnen fehlte, die ihr geduldig zuhörten. Vielmehr schien sie bei diesen ganzen Berichten von einem Wunsch getrieben, den Sam nur vermuten konnte. Ein kindlicher Wunsch, dass nämlich er, Sam, diesen Kerl mögen würde. Er war schließlich ihre Familie. Er trug die Verantwortung, auch wenn er zurzeit unter dieser Last schwankte.

Manu war da ganz logisch veranlagt, denn wenn es sie doch gab, die Liebe – und genau die erlebte sie ja gerade –, dann konnte diese Welt doch nicht so schlecht sein. Wenn sie ihm weiterhin davon berichtete, ihn zum Aufstehen zwang, ihn daran erinnerte, weiterzuleben, vertrieb sie vielleicht irgendwann die bösen Geister in seinem Kopf, die Müdigkeit in seiner Seele, und er würde endlich aufhören, jede Nacht eine Party mit VAT 69 und den anderen Blends-Kumpels zu feiern.

IM HERZEN DER NACHT
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