Newsletter
Schreibe einen Kommentar

Brockenzauber

Exklusiv für meine lieben Newsletter-Abonnenten hier das 1. Kapitel von „Brockenzauber, Weihnachten bei Eli!“

»Echt, Mama. Es war keine leichte Entscheidung, aber wir alle brauchen mal ein wenig Abstand und Ruhe.« Ich klinge wahnwitzig erwachsen, obwohl ich eigentlich die Einzige hier bin, die dringend Abstand und Ruhe benötigt.

»Ah«, sagt meine Mutter nur und ich starre in meine halbleere Kaffeetasse. »Maxim hat da einen geheimnisvollen Freund und der wiederum hat ein Chalet mitten auf dem Berg.«

»Oh«, sagt meine Mutter, was mich dann doch jetzt langsam verwundert. Meine Mutter neigt sonst zu Monologen. Sie spricht, der Rest schweigt und lauscht. Gerade bei dem sensiblen Thema »Weihnachten im Hause Brevent« und der bestürzenden Tatsache, dass ihre einzige Tochter beabsichtigt, dieses hohe Fest nicht bei Mama zu verbringen, habe ich jetzt wirklich ein bisschen mehr erwartet.

»Ist das ein Problem für dich? Kannst du das verstehen?«, forsche ich nach, woraufhin meine Mutter trocken fragt: »Kannst du die Jungs mitnehmen?«

»Bitte?«

»Und Jost?«

»Mama«, erwidere ich schwach.

»Nein? Ach, schade!«

»Ich dachte, du bist traurig, wenn wir alle Weihnachten nicht kommen.« Meine Mutter stößt etwas aus, das entfernt an ein Lachen erinnert.

»Traurig? Kind. Manchmal beschleicht mich der Gedanke, dass du hin und wieder nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen bist. Ich bin traurig, wenn meine Ringelblumen nicht aufgehen. Aber doch nicht, wenn ich kein monströses Weihnachtsessen kochen muss, die Hütte nicht aufräumen muss, bevor ihr kommt und wenn ihr wieder fahrt, von den ganzen Einkäufen mal abgesehen, die kurz vor Weihnachten auch mehr an Nahkampf, als an Lebensmittelbeschaffung erinnern. Und diese Geschenke! Immer diese vielen Geschenke, die man erst kauft, mühsam einpackt und man dann hinterher knietief im zerknüllten Papier steht. Nö. Ich finde das prima.«

Zugegeben bin ich verwirrt. Ernsthaft verwirrt. Sollte das nicht anders sein?

»Aber werdet ihr nicht einsam sein?«, frage ich äußerst behutsam. Man weiß ja nie. Vielleicht versteckt sie ihre tiefe Betroffenheit nur hinter einer lächelnden Fassade.

»Einsam?«, meine Mutter lacht so schallend, dass mein Trommelfell hüpft. »Na, das will ich doch hoffen, dass wir einsam sein werden! Ich werde eine Lichterkette aufhängen. Eine einzige! Dekorationsaufwand fünf Sekunden. Und mit deinem Vater Pizza bestellen. Die Jungs werden zu irgendeiner Party gehen. Habe ich gerade beschlossen. Hach. Das wird herrlich. Macht es euch nett!« Und schon hat sie aufgelegt.

»Natürlich«, brumme ich und lege das Handy neben meine Kaffeetasse. »Natürlich. Ganz normal. Jede Mutter würde so reagieren.«

»Was brummst du hier rum?« Vincent ist im Türrahmen aufgetaucht und stiefelt zum Kühlschrank, um sich einen Liter Wasser in die offenbar völlig ausgedörrte Kehle zu gießen. Ich beobachte ihn. Er sieht gut aus. Wie jemand, der gerade total lässig einen Ölwechsel vorgenommen oder einen Kotflügel handgeklöppelt hat. Die Arbeitshose sitzt ihm tief auf der Hüfte und trotz der kühlen Temperaturen trägt er nur ein Shirt, das mehr von seinen wunderbaren Muskeln zeigt, als verhüllt.

Eine Dreckspur, Öl oder ein anderer lange haftender Schmierstoff, zieht sich von seiner Wange bis zur Stirn und gibt ihm, der das nun wirklich nicht nötig hätte, einen absolut verwegenen Ausdruck. Er hat sich als Automechaniker verkleidet und es steht ihm gut. Ich klappe den Mund auf, aber er hebt nur knapp eine Hand.

»Ich möchte nicht darüber reden«, brummt er.

»Man kann aber doch nicht alles können. Du kannst zum Beispiel die gesamte Stromversorgung im Haus und den umliegenden 20 Kilometern lahmlegen, nur weil dir ein kleiner Zauber entwichen ist. Das ist auch ein Talent! Darauf solltest du dich berufen. Kein Mensch muss Autos reparieren können. Und auch kein Jaguar.« Ich lächle freundlich.

Vince zeigt mir für den Bruchteil einer Sekunde den linken Eckzahn. Eine kleine, nette eheliche Drohgeste. Dabei finde ich meine Bemerkung absolut zulässig. Immerhin versucht er seit mehreren Jahren, seinen angeblich unkaputtbaren Toyota zu reparieren. Das ist ihm bisher nicht gelungen, aber er ist der Mann, der nur durch einen klitzekleinen fehlgeleiteten Zauber die halbe Stadt für sieben Stunden vom Stromnetzt nehmen kann.

Zufrieden nippe ich an einem mittlerweile kalten Kaffee. Vince schlendert zu mir und lässt sich auf dem Stuhl mir gegenüber nieder.

»Er fährt«, sagt er schließlich und macht eine Handbewegung, die alles bedeuten könnte.

»Er fährt aus der Garage und dann schieben wir ihn wieder rein. Er fährt. Vollkommen richtig.« Ich lächle liebreizend. »Vielleicht solltest du eine autorisierte Werkstatt aufsuchen oder wenigstens einen Gnom. Einen, den sie die »Metallgeküssten« nennen. Eventuell kann der noch was retten.«

»Hmpf. Du liest zu viel Patricia Briggs«, sagt mein Mann und fixiert mich unter halbgeschlossenen Lidern, während er sich zurücklehnt.

»Ja, hmpf«, gebe ich zurück. Wir bereiten uns gerade innerlich darauf vor, einen kleinen verbalen Schlagabtausch über die blankpolierte Tischplatte hinweg abzufeuern, als die Haustür aufgeht und zwei Mufflons unser Zuhause heimsuchen. Es klingt zumindest so.

»Buff!«

»BÄM!«

»Rumpel!«

Vince grinst mich erst an und lässt dann den Kopf auf die Tischplatte sinken.

»Wir sind wieder da!«, ruft Maxim aus dem Flur.

»Jaha! Hören wir!«, rufe ich zurück. Maxim hat die sonderbare Angewohnheit entwickelt, sich immer an- und abzumelden. Es scheint ihm ein tiefes, elementares Bedürfnis zu sein, als wären wir sein kleines Drachenrudel, bestehend aus einem Ex-Engel, einem Jaguar und einer äußerst talentierten und gutaussehenden Erdhexe (ich). Er möchte allerdings auch, dass wir uns ebenfalls an- und abmelden, was fast zu schweren Zerwürfnissen geführt hätte, hätte Pax nicht seinem friedvollen Namen alle Ehre gemacht und uns zur Mäßigung gemahnt.

»Habt ihr alles bekommen?«, rufe ich hinterher.

»Oh ja!« Maxim biegt schwungvoll in die Küche ein, beladen mit Tüten, Kisten, Körben und noch allerlei mehr Dingen, die ich auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Energisch schmeißt er all den Kram auf den Küchenblock. Er trägt, wie immer, einen Maßanzug mit Nadelstreifen. Nur zum Putzen trägt er ihn nicht. Da trägt er Shorts. Und sonst nichts.

Hach.

Ich bin schon ein Glückskind mit so wunderschönen Männern zusammenzuleben. Und sie sind zahlreich in meinem Leben aufgetaucht. Auch wenn Maxim ganz streng betrachtet mein Stiefvater ist. Aber vor solch geballter Schönheit kann auch ich meine Augen nicht verschließen. Nachdem Heya und ich den Drachen schon mal einen ganzen Nachmittag bei der Gartenarbeit beobachtet haben, ist sie fürchterlich neidisch auf mich. Da trägt er nämlich auch keinen Anzug. Sie hat sich danach einen Pin-up Kalender für Frauen in ihr Büro gehängt.

»Pax?« Maxim kramt weiter in den Tüten und Körben, wartet aber offenbar auf Nachschub, den Pax heranschaffen soll.

»Können wir das nicht alles schon im Auto lassen?«, brummt mein Vater, als er einhändig beladen, die andere Hand braucht er für den Stock, in die Küche kommt.

»Ich muss das erst sortieren«, erwidert Maxim ungerührt und nimmt Pax seine schwere Last ab.

»Natürlich musst du das«, murmelt Pax und setzt sich ein wenig umständlich zu uns an den Küchentisch. Unauffällig mustere ich ihn. Nachdem er im Frühjahr fast gestorben wäre, tue ich das ständig und suche nach Anzeichen, die eine weitere Katastrophe ankündigen könnten, aber bisher hält er sich gut. Er ist stiller geworden. Ein wenig nachdenklich, was seiner enormen Andersartigkeit aber irgendwie entgegenkommt. Er ist nur immer sehr müde, so als ob ihn sein unfreiwilliger Ausflug ins Land der ewigen Träume völlig und sehr nachhaltig erschöpft hätte. Und genau das macht mir manchmal Sorgen. Vince hebt den Kopf endlich wieder. Der Öl-oder-was-auch-immer-Streifen hat sich jetzt auch großzügig auf seiner Wange verteilt.

»Ich geh mein Auto weiter reparieren«, verkündet er und erhebt sich. Maxim ist zu höflich, aber Pax und ich sind es nicht, deswegen brechen wir in johlendes Gelächter aus. Vince zieht in einer katzenhaften Manier die Nase kraus, bedenkt uns mit einem bösen Blick und macht auf dem Absatz kehrt. Er meint das ernst. Er hat sich fest in den Kopf gesetzt, diesen alten Toyota wieder zum Laufen zu bringen, komme was wolle. Vermutlich wird er es irgendwann auch nur durch reine Willenskraft schaffen.

Während Maxim wie verrückt Dinge einpackt, wieder auspackt, sucht, findet, brummt und zischt, sitzen Pax und ich in stiller Eintracht am Tisch und blicken in den von Frost überzogenen Garten. In drei Tagen ist Weihnachten. Gestern haben wir uns alle zu unserem jährlichen Julritual getroffen. Es war sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Nachdem wir die letzten Jahre im kleinen Kreis das Wiedererwachen der Sonne gefeiert haben, trafen sich dieses Mal wirklich alle Mitglieder der magischen Gemeinde in meinem Garten. (Also in unserem Garten. Es ist ja auch unser Haus. Und unser Kirschbaum im Garten. Ich lerne das noch!)

Dafür werden wir die Feiertage in den Bergen verbringen. Alleine! Und laut Wetterbericht soll es im Harz schon schneien und ich freue mich wie verrückt. Ich liebe nämlich Schnee, der hier, in der niedersächsischen Depressionsebene, so oft einfach nicht liegenbleibt. Wir werden wunderbare Dinge essen und dem prasselnden Kaminfeuer lauschen, während die Welt dem viel zu großen, viel zu pompösen Weihnachtswahnsinn verfällt.

Niemand wird was von mir wollen, ich werde ausschlafen, keiner drückt mir ein Gespräch aufs Auge und ich werde ganz in Ruhe den neuen Thriller von Stefanie Ross lesen.

Es wird herrlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*